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Der Blick des Käuzleins

Unser Verhältnis zum Tier ist sentimental geworden. Wegschieben lässt sich diese Sentimentalität nicht; sie wächst proportional zur Grausamkeit, mit der wir der außermenschlichen Kreatur begegnen – und ist ein Symptom unseres schlechten Gewissens: Irgendwann hat der Mensch es gründlich vermurxt mit dem Tier.

Ein großartiges Architekturdenkmal Berlins ist diesem Verhältnis gewidmet: das Anatomische Theater auf dem Gelände der Charité. Carl Gotthard Langhans, der Schöpfer auch des Brandenburger Tores, hat es 1790 vollendet als erstes Gebäude der Königlichen Tierarzneischule. Zierlich, wie aus Porzellan, umschließen die Hörsaalbänke mit den hohen Geländern steil ansteigend den kreisrunden Vortragsplatz, wo früher seziert wurde. Die Decke der Kuppel ist mit Grisaillemalereien bedeckt: Der Mensch begegnet dem Tier. Aus menschlicher Sicht haben die Begegnungen, je nach Tierart, etwas Idyllisches oder Heroisches. Das Tier aber ist immer unterlegen.

Der Videokünstler Detlef Günther hätte für seinen Bild- und Klangmehrteiler civilised meditation keinen besseren Ort finden können. Am Donnerstag haben er und das Laptoporchester Berlin mit der Uraufführung des vierten Teils Dignity of Man !the return of responsibility den Zyklus fortgesetzt. In der Abfolge der Details, in der Dramaturgie des Verlaufs mögen diese Bilder und Klänge etwas Austauschbares, Beliebiges haben. Dennoch gewinnen gerade die Klänge – im letzten Teil beklemmende Tunnelfahrten, ein kontinuierliches Donnergrollen – körperliche Dringlichkeit. Sie steht in paradoxem Kontrast zur Klangerzeugung. Die Feinmotorik an Laptops und Mischpult scheint rein gar nichts mit den akustischen Impulsen zu tun zu haben. Die Digitalisierung – auf den Bildschirmen sind nur Tabellen und Säulenmasken – hat jede Analogie von Körper und Klang zerstört. Doch wendet sich der Klang direkt dem Körper zu.

Jan Brachmann, Berliner Zeitung, 15.07.2006, (Artikel wurde gekürzt)